Eine Pause im US-amerikanischen Exzeptionalismus: Veränderte Dynamiken auf den globalen Märkten
Die langjährige Dominanz der USA an den globalen Aktienmärkten scheint vorerst gestoppt. Von Jahresbeginn bis Ende April entwickelte sich der S&P 500 Index der US-Aktien um mehr als 16 % schlechter als der MSCI ACWI ex-US Index. Dies markiert einen deutlichen Bruch mit dem langjährigen Trend der US-Überlegenheit seit der Finanzkrise 2008. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob die Ära der US-Sonderstellung nur eine vorübergehende Pause oder einen grundlegenderen Wandel erlebt.
Die Grundlagen des US-amerikanischen Exzeptionalismus
Der US-amerikanische Sonderweg gründet sich auf mehrere Schlüsselfaktoren: einen riesigen, einheitlichen Markt mit einer gemeinsamen Währung und Sprache, vergleichsweise wohlhabende Konsumenten und ein unternehmensfreundliches regulatorisches Umfeld. Die Wall Street bot beispiellosen Zugang zu Fremd- und Eigenkapitalfinanzierung, während eine unternehmerische Kultur internationale Talente anzog und so zur Entstehung weltweit führender Unternehmen führte. Das Risikokapital-Ökosystem des Silicon Valley hat die technologische Innovation zusätzlich beflügelt.
Die US-Dominanz wurde jedoch auch durch Schwächen in anderen Regionen gestärkt. Europas Bevölkerungswachstum stagniert, und die EU bietet im Allgemeinen ein strengeres regulatorisches Umfeld. Chinas Machtzentralisierung und die Überinvestitionen in den Wohnungsmarkt haben das Wirtschaftswachstum gebremst. Der Brexit hat die globale Bedeutung Großbritanniens geschmälert, während Australien und Kanada den Fokus auf das Wachstum ihrer Wohnungsmärkte legten und dabei breitere wirtschaftliche Prioritäten vernachlässigten.
Vor diesem Hintergrund floss das globale Kapital naturgemäß in die Vereinigten Staaten, wodurch US-Aktien im Jahr 2025 voraussichtlich rund 65 % der globalen Marktkapitalisierung ausmachen werden (MSCI All Country World Index). Dies ist ein Anstieg gegenüber 45 % im Jahr 2009.
US-Anteil am globalen Aktienmarkt nahe Mehrjahrzehnthoch

(Quelle: JP Morgan Asset Management, Stand: 29. April 2025)
Was hat sich in letzter Zeit verändert?
Jüngste Entwicklungen deuten darauf hin, dass der US-amerikanische Sonderweg angesichts innenpolitischer Herausforderungen ins Wanken geraten könnte. Die Handelspolitik der Trump-Regierung, einschließlich der Zölle, hat zu höheren Inputkosten für Unternehmen geführt und Vergeltungsmaßnahmen von Handelspartnern provoziert. Während diese Zölle allein Sie verursachen zwar keine katastrophalen wirtschaftlichen Verwerfungen, schaffen aber ein Umfeld der Unsicherheit, das langfristige Investitionen hemmt und das Vertrauen der Verbraucher beeinträchtigt.
Die unberechenbare Politik dieser Regierung beschränkt sich nicht nur auf Zölle und Handel. Häufige Regeländerungen und sprunghafte Äußerungen – von Annexionsvorschlägen bis hin zur Untergrabung der NATO-Bündnisse – haben das Vertrauen der Investoren weiter geschwächt. Dieses Klima erschwert es Unternehmen, für die Zukunft zu planen, und kann so Wirtschaftswachstum und Innovation hemmen.
Darüber hinaus sieht sich der US-Markt mit relativ hohen Bewertungen und Zinsunsicherheit konfrontiert. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 liegt bei über 19 und damit deutlich über seinem historischen Durchschnitt von 16 bis 17. Gleichzeitig liegt die Inflation weiterhin über dem Zielwert der Federal Reserve von 2 %, und die Aussichten für Zinssenkungen der Zentralbank sind nach wie vor unklar.
Während die Unsicherheit in den USA anhält, zeigen andere Regionen Anzeichen einer Erholung. China hat seinen Immobilienmarkt stabilisiert und massiv in High-End-Fertigungssektoren wie Elektrofahrzeuge, Halbleiter und Robotik investiert. Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) entwickelt sich China zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten. So beschleunigte sich die Verlagerung weg von den sieben größten US-Unternehmen hin zu internationalen Aktien deutlich, nachdem Ende Januar die Nachricht über das chinesische KI-Modell DeepSeek bekannt wurde. Japans Reformen der Unternehmensführung zeigen positive Ergebnisse, während Europa unter der neuen deutschen Koalitionsregierung flexiblere Fiskalpolitiken prüft.
Obwohl diese Veränderungen eher schrittweise als grundlegend sind, haben sie die Bewertungslücke zwischen US-Aktien und den globalen Märkten verringert. Für Anleger, die Wachstumschancen außerhalb der USA suchen, sind diese Entwicklungen vielversprechend, insbesondere da die aktuellen Bewertungen im Vergleich zu US-Unternehmen und historischen Durchschnittswerten immer noch deutliche Abschläge aufweisen.
Globale Bewertungen

(Quelle: JP Morgan Asset Management, Stand: 25. April 2025)
Die Rolle des Technologiesektors
Der Technologiesektor gilt als Eckpfeiler des US-amerikanischen Erfolgs, wobei Mega-Unternehmen wie Apple, Microsoft und Amazon maßgeblich zum Marktwachstum beigetragen haben. Diese Dominanz steht jedoch vor Herausforderungen. Der jüngste Anstieg der KI-Investitionen – ausgelöst durch Entwicklungen wie ChatGPT – hat zu erheblichen Kapitalausgaben geführt. Steigende Zinsen und wachsender Wettbewerb durch internationale Anbieter wie das chinesische Unternehmen DeepSeek trüben die Aussichten zusätzlich. Die Bewertungen im Technologiesektor bleiben hoch, wodurch er anfällig für Abwärtskorrekturen der Gewinnwachstumserwartungen ist. Obwohl diese Unternehmen in der Vergangenheit starke Ergebnisse erzielt haben, wird die Aufrechterhaltung ihrer Dynamik die Bewältigung steigender Kosten und des zunehmenden Wettbewerbsdrucks erfordern.
Obwohl die Branche den Begriff „Magnificent 7“ geprägt hat, hat sich eine Aktie als weitaus beeindruckender erwiesen: Nvidia, der Hersteller von Hochleistungschips für große KI-Sprachmodelle. Der positive Einfluss von Nvidia auf die US-Renditen ist so groß, dass der MSCI Europe Aktienindex, nach Herausrechnung von Nvidia, den S&P 500 in den letzten Jahren sogar übertroffen hat.
Europäische Aktien übertreffen den S&P 500 ohne Nvidia

(Quelle: Neuberger Berman, Stand: 31. März 2025)
Neben der Konzentration von Aktien im Technologiesektor verdienen zwei weitere Faktoren besondere Beachtung: die Halbleiterfertigung und die Rohstoffgewinnung. Da die weltweite Nachfrage nach fortschrittlichen Chips und Batterietechnologien rasant steigt, gewinnt die geografische Verteilung der IT-Produktion zunehmend an Bedeutung. Der Anteil der USA an der globalen Halbleiterfertigung ist auf unter 12 % gesunken, während Länder wie China, Südkorea und Taiwan ihre Kapazitäten rapide ausgebaut haben.
Obwohl der CHIPS Act die heimische Produktion ankurbeln soll, werden seine Auswirkungen kurzfristig voraussichtlich gering ausfallen. Noch besorgniserregender sind die Aussichten im Bergbau und der Mineralienproduktion, insbesondere bei Rohstoffen, die für die Elektrifizierung und die Energiewende unerlässlich sind. Die USA decken lediglich 11 % der weltweiten Produktion seltener Erden ab, verglichen mit Chinas dominantem Anteil von 69 %. Auch Lithium und Nickel – wichtige Bestandteile von Batterien für Elektrofahrzeuge – werden hauptsächlich in Südamerika, Afrika und dem asiatisch-pazifischen Raum gefördert. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich die zukünftige Wertschöpfung zunehmend auf Märkte außerhalb der USA verlagern könnte, die die Lieferketten für strategische Rohstoffe kontrollieren. Dadurch könnten Unternehmen und Volkswirtschaften außerhalb der USA von höheren Gewinnen profitieren.
Halbleiter- und Bergbauproduktion nach Standort

(Quelle: JP Morgan Asset Management, Stand: 25. April 2025)
Eine vorübergehende Pause oder ein struktureller Wandel?
Trotz dieser Herausforderungen für die USA ist es wohl verfrüht, das Ende der US-amerikanischen Sonderstellung zu verkünden. Die Politik Trumps mag zwar zu Volatilität geführt haben, doch ihre makroökonomischen Auswirkungen sind im Vergleich zu historischen Krisen begrenzt. Und wir wissen noch immer nicht, welche Unternehmenssteuersenkungen oder Regulierungsreformen diese Regierung plant. Darüber hinaus stehen die globalen Märkte außerhalb der USA weiterhin vor erheblichen Hürden, um nachhaltiges Gewinnwachstum zu erzielen, während der Krieg zwischen Russland und der Ukraine sowie die Spannungen zwischen China und Taiwan die geopolitischen Risiken für internationale Aktien unterstreichen.
Wahrscheinlicher erscheint eine vorübergehende Pause der US-Dominanz als eine vollständige Umkehrung. Diese Pause könnte anderen Regionen einen leichten Aufholprozess ermöglichen, signalisiert aber noch keinen grundlegenden Wandel in der globalen Führungsrolle. Das wirft natürlich die Frage auf: Was würde Deutet dies auf eine grundlegendere, mehrjährige Veränderung dieses Trends hin? Hier sind einige potenzielle Themen, die unser Anlageausschuss beobachtet:
- Die anhaltende Ausweitung der internationalen Defizitausgaben, insbesondere in Europa, sowie einige Anzeichen für eine Haushaltskonsolidierung in den USA
- Weitere KI- und technologiebezogene Wettbewerber wie die DeepSeek-News im Januar
- Die Einführung langfristiger, struktureller Zölle, die zu einem sprunghaften Anstieg der US-Inflationsrate führen.
- Ein anhaltender Rückgang des US-Dollars; die letzte Phase, in der internationale Währungen besser abschnitten als die USA, war von 2001 bis 2008, die mit einem starken Dollarverfall zusammenfiel.
- Eine Verlangsamung der US-Konsumausgaben und/oder ein Anstieg der Arbeitslosigkeit
Historische Zeiträume der relativen Wertentwicklung von US-amerikanischen/internationalen Aktien
USA vs. Internationale Entwicklung:

USA vs. Schwellenländer:

(Quelle: Morningstar)
Lehren aus der Vergangenheit
Ähnliche Dominanz gab es schon einmal. Ende der 1980er-Jahre beherrschte Japan die globalen Märkte ähnlich stark. Auf dem Höhepunkt 1989 machte Japan über 40 % des MSCI World Index aus – mehr als die USA zu dieser Zeit. Investoren glaubten, Japan habe den Schlüssel zum Erfolg gefunden: industrielle Dominanz, steigende Vermögenswerte und weltweite Bewunderung für sein Unternehmens- und Wirtschaftsmodell. Damals waren sieben der zehn größten Unternehmen der Welt nach Marktkapitalisierung japanisch. Heute ist kein einziges japanisches Unternehmen mehr unter den Top Ten, und Japan repräsentiert nur noch etwa 5 % der globalen Aktienmarktkapitalisierung.
Die Geschichte Japans erinnert uns daran, dass Marktführerschaft keine Selbstverständlichkeit ist. Strukturelle Vorteile können schwinden und die Stimmung der Anleger sich ändern, insbesondere wenn demografische Entwicklungen, politische Fehlentscheidungen oder Selbstüberschätzung im Weg stehen. Wer an die dauerhafte Dominanz der USA glaubt, sollte bedenken, dass die Zukunft selten geradlinig verläuft.
Fazit
Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die anhaltende Outperformance der USA und die extreme Konzentration auf US-amerikanische Technologieunternehmen mit hoher Marktkapitalisierung – insbesondere die „Magnificent 7“ – erhebliche Ungleichgewichte in vielen Portfolios verursacht und diese erhöhten idiosynkratischen Risiken ausgesetzt haben. Dies unterstreicht den Wert eines überlegteren Ansatzes bei US-Investitionen, der auf eine breitere Marktbeteiligung und Diversifizierung jenseits der dominanten Technologiekonzerne abzielt, deren Bewertungen durch den KI-Eifer der letzten Jahre stark gestiegen sind.
Noch wichtiger ist, dass diese vorübergehende Unterbrechung der US-amerikanischen Vormachtstellung Anlegern eine günstige Gelegenheit bietet, ihre internationalen Portfolios neu zu bewerten. Viele US-amerikanische Investoren sind im Vergleich zu globalen Benchmarks wie dem MSCI ACWI weiterhin deutlich in internationalen Aktien untergewichtet. Auch wenn wir keine vollständige und nachhaltige Umkehr der US-Dominanz vorhersagen, sprechen die sich verbessernden Fundamentaldaten an den internationalen Märkten kurzfristig deutlich für internationale Aktien.
Selbstverständlich gibt es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, wie viel in internationale Aktien investiert werden sollte. Die optimale Aufteilung hängt von verschiedenen, für jeden Anleger individuellen Faktoren ab, darunter Anlageziele, Risikotoleranz, Anlagehorizont, Entnahmerate und die Gesamtziele des Portfolios. Unser Team berät Sie gerne zu diesen Aspekten, insbesondere gemeinnützige Organisationen, die aktuell die richtige Mischung aus US-amerikanischen und internationalen Aktien in ihrem Portfolio erwägen.